Was passiert, wenn du tust, was andere von dir erwarten.

(M)eine  kleine Geschichte von der Selbstbestimmung

Müde und abgespannt saß ich mit meiner Chefin in einem Restaurant in einer kleinen Stadt am Rande des Schwarzwalds. Wir waren gemeinsam auf Dienstreise und hatten den ganzen Tag Termine, es war schon recht spät und wir wollten den Tag in Ruhe ausklingen lassen. Wir sprachen über dies und jenes, bis mich meine Chefin auf einmal anschaute und fragte:

„Wie gut bist du eigentlich darin nein zu sagen?“


Ich überlegte. Wenn meine Chefin mich das fragen musste, anscheinend noch nicht gut genug. Ich erzählte ihr eine Geschichte, in der ich schon früh gelernt hatte, was es heißt, wenn man das nicht kann.

Tatort Grundschule. In der vierten Klasse meldete ich mich in der Theater-AG an. Ich war sehr zurückhaltend und schüchtern, aber auch ein bisschen neugierig. In der ersten Theaterstunde saßen wir in der Aula und unsere Lehrerin erklärte, dass wir gemeinsam ein Theaterstück einstudieren sollten, das anschließend vor der ganzen Schule und unseren Eltern vorgeführt werden sollte.

Vor so vielen Menschen? Unvorstellbar für mich.

Das Theaterstück hieß „Die Raupe Nimmersatt“ und es ging um die Rollenverteilung. „Wer von euch möchte denn die Hauptrolle übernehmen und die Raupe Nimmersatt spielen?“ fragte die Lehrerin ihre Schützlinge. Ich blickte mich vorsichtig um. Alle Hände flogen hoch. Ich zögerte, denn ich für meinen Teil konnte mir sehr gut vorstellen, eine Nebenrolle zu spielen und liebäugelte mit der Rolle eines Apfels. Aber wenn sich alle meldeten? Ich weiß noch genau, was ich damals dachte. Wenn sich jeder meldet, dann musst du auch deine Hand heben. Du musst das auch wollen. Du kannst dich nicht als Einzige nicht melden. Du wirst schon nicht die Raupe sein. Ich hob meine Hand. Da hörte ich meine Lehrerin sagen „Okay – Sonja, du spielst die Raupe.“

Was? Ich? Ein Albtraum.

Und das war es auch. Wir probten wochenlang, ich verstand viele Abläufe nicht und konnte mir den Text nicht richtig merken. Ich war immer wahnsinnig nervös und an die Vorstellung kann ich mich nicht einmal mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich die ganze Zeit viel lieber ein Apfel gewesen wäre und mich schrecklich unwohl fühlte.


Es ist schwer, nein zu sagen. Das zu sagen, was man fühlt.

Das zu sein, was man eigentlich sein will. Jeder von uns hat sicherlich seine eigene kleine Raupe Nimmersatt, die einem das Leben schwermacht. Die da ist, obwohl man sie eigentlich nicht haben wollte und das auch von Anfang an wusste.

Nein zur Raupe zu sagen, auch wenn es Leute um dich gibt, die es anders sehen, gehört zu den Herausforderungen unseres Lebens.

Aber es lohnt sich, damit aus deiner Raupe ein einzigartiger Schmetterling wird.

Oder eben ein Apfel.

 

Ein Kommentar zu „Was passiert, wenn du tust, was andere von dir erwarten.

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  1. Liebe Sonja,

    das ist eine ganz wichtige Erkenntnis. Wenn wir alle das besser hinbekommen würden, das zu sein, was wir sind und nicht das sein zu wollen, was andere von uns erwarten, wäre die Welt und unser Leben ein bisschen einfacher.

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